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30. November 2008 / PolarNEWS

– 2008 – 11 Urkraken, Meeresströmung trotzt Klimawandel

11.11.2008 : Meeresforscher finden geheimnisvollen Ur-Kraken

Der Kopffüssler, der aus der Kälte kam: Aus den eisigen Gewässern der Antarktis haben sich die Kraken über die Weltmeere verbreitet. Das glauben Wissenschaftler, die nun einen engen Verwandten heute lebender Tiere aufgespürt haben wollen.
Seit 2000 ziehen sie Jahr für Jahr los, die Forscher des „Census of Marine Life“-Projekts, mit einer fast unlösbar scheinenden Aufgabe: In einer Welt, die sich durch den Klimawandel immer stärker ändert, arbeiten sie an einer Bestandsaufnahme der Meere.
2000 Forscher katalogisieren die Meeresbewohner
Ob in flachen, badewannenwarmen Tropengewässern, in den Tiefen des sturmgepeitschen Nordatlantiks oder in den eisigen Meeresgebieten der Antarktis, sie haben ein Ziel: Neue Arten entdecken, bevor diese – im schlechtesten Fall – aussterben. Rund 2000 Wissenschaftler arbeiten derzeit an der Katalogisierung der Meereswelt.
110 neue Arten entdeckt
Und eigentlich immer, wenn sie vor die Presse treten, haben sie höchst interessante Neuigkeiten zu verkünden. Bislang wurden bei dem Projekt rund 110 neue Arten entdeckt, weitere 5300 Verdachtsfälle werden noch geprüft. Nun ist den Meeresbiologen wieder einmal ein ganz besonderer Fang ins Netz gegangen: ein Krake, der eng mit dem Urahn aller Krakenarten der Erde verwandt sein soll.
Genanalysen decken Verwandtschaftsbeziehungen auf
Wie seine Vorfahren lebt auch die neu entdeckte Art tief im Süden, in den kalten und klaren Gewässern vor der antarktischen Eiswelt. Megaleledone setebos heisst das Tier, das am engsten mit dem Ur-Kraken verwandt sein soll. Am liebsten hält sich der Krake in verhältnismässig flachem Wasser auf. Jan Strugnell vom British Antarctic Survey in Cambridge habe die Verwandtschaftsverhältnisse mit Hilfe von Genanalysen geklärt, berichtet die BBC auf ihrer Web-Seite. Demnach hätten sich die Kopffüssler vor rund 30 Millionen Jahren aufgemacht, um die Weltmeere zu erobern.
Kraken ziehen mit der Strömung
Schuld daran sei die wachsende antarktische Eisbedeckung gewesen, die zu Änderungen in den Meeresströmungen geführt habe. Als sich in den Gewässern vor der Antarktis mehr und mehr Eisschollen gebildet hätten, sei das darunter übriggebliebene Wasser immer salziger geworden und damit schwerer. Dadurch sei ein Strom von sauerstoff- und nährstoffreichem Wasser entstanden, der die Kraken nach Norden gebracht habe.
Trickser, Täuscher und Mörder
Dort hätten sich dann zahlreiche neue Arten gebildet, die sich an ihre jeweiligen neuen Lebensräume angepasst hätten. Trickser, Täuscher, Mörder – all das gibt es unter den Kraken. Doch nicht alle konnten etwas mit ihrem antarktischen Erbe anfangen. So hätten bestimmte Tiefseekraken ihre früher zur Verteidigung eingesetzten Tintensäcke einfach nicht mehr benötigt – weil es in ihrer neuen Heimat, der Tiefsee, viel zu finster für derartige Verschleierungstaktiken gewesen wäre. Dafür sind Tiefseetintenfische auf einen neuen Trick verfallen: Sie jagen mit Licht.

24.11.2008  Antarktis: Wichtige Meeresströmung trotzt dem Klimawandel

Gute Nachricht fürs Weltklima: Eine Meeresströmung, die den Ozean vor der Antarktis zu einer riesigen CO2-Senke macht, scheint unempfindlich gegenüber aktuellen Klimaveränderungen zu sein. Das haben Forscher mit einer Flotte schwimmender Roboter herausgefunden.
Mit Macht durchpflügt der antarktische Zirkumpolarstrom den Südlichen Ozean, angetrieben durch beständig wehende Westwinde. Bis hinab in die ewige Finsternis von 4000 Metern Tiefe wird das Wasser konstant bewegt – von der Meeresströmung mit dem grössten Massetransport auf dem Planeten. Jede Sekunde treibt sie die unvorstellbare Menge von 140 Millionen Kubikmetern Wasser mit einer Geschwindigkeit von rund vier Kilometern in der Stunde um den Antarktischen Kontinent. Oder anderes ausgedrückt: Hier rotiert in jedem Moment 110- bis 150-mal so viel Wasser, wie in allen Flüssen der Erde fliesst – und fünfmal mehr als im Golfstrom.
Für das Weltklima hat der antarktische Zirkumpolarstrom eine wichtige Bedeutung. Er schneidet die Antarktis von wärmeren Meeresströmungen im Norden ab – und hat so auch für die Entstehung der mächtigen Vereisung gesorgt. Der Wasserkreis bestimmt das Wettergeschehen in vielen Regionen der Erde, weil er die Strömungsverhältnisse in allen anderen Weltmeeren nachhaltig beeinflusst. Ausserdem sind die kalten Wasser des Arktischen Ozeans ein riesiger CO2-Speicher.
Weil sie so besonders eisig sind, haben sie eine extrem hohe Aufnahmefähigkeit für das Klimagas. Rund 40 Prozent der Gesamtmenge an CO2, die die Weltmeere aufnehmen, verschwinden in seinen eisigen Tiefen. Doch genau diese Rolle, so sagt Meeresforscher Claus Böning vom IFM-Geomar in Kiel , galt bislang als gefährdet: „Es gab die Befürchtung, dass aus einer CO2-Senke im Ozean eine Quelle werden könnte“ – zu Unrecht, wie sich nun herausstellt. „Dafür sehen wir keine Hinweise.“
52.000 Einzelmessungen von 600 Bojen
Das Szenario der Klimaforscher sah bisher eigentlich so aus: Durch die seit mehreren Jahrzehnten unbestritten stärker werdenden Westwinde in der Region wird das Wasser des Südpolarmeers stärker durchmischt. Dadurch müsste zwar etwas mehr CO2-haltiges Wasser in die Tiefsee gelangen – doch vor allem würden grosse Mengen CO2-haltiges Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche aufsteigen. Die CO2-Konzentration nähme dann so stark zu, dass sie irgendwann über derjenigen der Luft läge. Ab diesem Moment würde der Ozean Treibhausgase ausstossen statt aufnehmen.
Doch neue Erkenntnisse lassen diese Befürchtungen nun unbegründet erscheinen. Zusammen mit deutschen und australischen Kollegen hat IFM-Geomar-Forscher Böning die Daten einer riesigen schwimmenden Roboterarmee ausgewertet: Die Rede ist von den 3200 Messbojen des Argo-Projekts. Die in den Weltmeeren frei driftenden Messmaschinen tauchen alle zehn Tage selbständig in bis zu 2000 Meter Tiefe ab. Dabei messen sie unter anderem die Temperatur und den Salzgehalt – und funken die Ergebnisse per Satellit an Wissenschaftler rund um die Welt.
Rund 52.000 Einzelmessungen von insgesamt 600 Bojen, die alleine im Südpolarmeer driften, zogen die Forscher für ihre Untersuchungen heran. Dazu kamen aus dem Archiv des australischen Meeresforschungszentrums in Hobart die Daten von Schiffsmessungen seit den sechziger Jahren. Über die Ergebnisse berichten die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Nature Geoscience“. Zunächst einmal, so erklären die Meeresforscher, hätten sie die Ergebnisse des menschgemachten Klimawandels klar nachweisen können: „Wir sehen tiefgreifende Veränderungen bei der Temperatur und beim Salzgehalt in grossen Tiefen – wie von den Klimamodellen vorausgesagt“, erklärt Böning. „Das Muster entspricht dem Fingerabdruck anthropogener Änderungen.“ Die Temperaturen steigen, der Salzgehalt sinkt.
Eine gute Nachricht
Doch zu ihrer Überraschung konnten die Wissenschaftler einen weiteren Effekt nicht beobachten, den die Computerrechnungen der Klimaforscher eigentlich ebenfalls prognostiziert hatten: eine Änderung der Zirkulation, die eine Verschlechterung der CO2-Bilanz zur Folge hätte. Mit den Daten zu Temperatur und Salzgehalt rechneten sie die jeweilige Dichte des Wassers aus. Mit ihrer Hilfe hätte sich eine Abschwächung der Meeresströmungen ermitteln lassen könnten – aber: Fehlanzeige. Der zirkumpolare Strom sei zwar näher an die Antarktis herangerückt, habe sich aber nicht abgeschwächt. „Etwas, das zu einem Alarm geführt hat, muss jetzt korrigiert werden“, ist sich Forscher Böning sicher. Die Wassertransporte bleiben auffällig gleich, dem Klimawandel zum Trotz.
Die Forscher glauben dafür auch eine Erklärung zu haben: Die Bedeutung kleinräumiger Wasserwirbel für das ozeanische Förderband könnte bisher unterschätzt worden sein. Diese Wirbel sind das Gegenstück zu Hoch- und Tiefdruckbereichen in der Erdatmosphäre. Im Vergleich zur Grösse der Meeresströmungen sind sie mit etwa 50 Kilometern sehr klein – so klein, dass sie von den bisherigen Klimamodellen normalerweise nicht mit erfasst wurden, sagt Böning. Doch das müsse sich ändern, um ein realistischeres Lagebild zu liefern. Für die kommenden Berichte des Weltklimarats seien solche Modellrechnungen auch bereits in Vorbereitung. Sie könnten klären helfen, ob die kleinen Wirbel tatsächlich, wie von den Forschern vermutet, für die überraschende Stabilität des antarktischen Zirkumpolarstrom verantwortlich sind.
Bis die Ergebnisse vorliegen, ist die aktuelle Studie vor allem eines: eine kleine gute Nachricht. Weil der Ozean vor dem Antarktis seine Rolle als gigantischer CO2-Speicher auf absehbare Zeit weiterspielen dürfte – zum Wohl der ohnehin schon genug gebeutelten Erdatmosphäre.

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